Textauszug: Wenn der Morgennebel über dem gigantischen Krater des Mount Aso aufsteigt, scheint selbst die Erde für einen Moment die Luft anzuhalten. Das Land dampft, als wolle es seine Urkraft offenbaren. Schwefelduft hängt in der Luft, und das Licht bricht auf silbrigen Furchen, die der Regen in den schwarzen Fels gezeichnet hat. Kyūshū, Japans südlichste der vier Hauptinseln, ist bekannt für ihre Wärme, ihre Vulkane, ihre Gastfreundschaft. Kumamoto ist ihr ruhender Pol – das Herz, in dem diese Energien zusammenfinden. Hier mischt sich der Rhythmus der Samurai-Geschichte mit dem klaren Klang von Quellenwasser, das unaufhörlich unter der Stadt strömt. Kumamoto nennt sich die „Stadt der Wasseradern“. Dieses Bild passt, denn wie feine Adern zieht sich der Fluss der Tradition durch jede Gasse.
Thema: Das japanische Kumamoto
Länge: 6.372 Zeichen
Bildauswahl lieferbar
Bestellen

Textauszug: Wer sich von Rouen aus flussabwärts bewegt, folgt dem trägen Lauf der Seine, die sich hier in gewaltigen Mäandern durch das grüne Herz der Normandie frisst. Hinter einer Biegung, dort, wo die Obstgärten des Pays de Caux besonders üppig blühen, geschieht es: Plötzlich schiebt sich ein steinernes Gebirge aus dem Dunst der Flusslandschaft. Es sind die Türme von Jumièges, die fast fünfzig Meter hoch in das normannische Blau ragen. Doch beim näheren Hinsehen offenbart sich das Paradoxon dieses Ortes. Was aus der Ferne wie eine stolze Festung des Glaubens wirkt, ist bei Licht betrachtet ein hohler Zahn, ein Skelett aus Kalkstein, dessen Rippen den Himmel stützen müssen, weil das Dach längst der Schwerkraft und der Geschichte nachgegeben hat.
Textauszug: Dort, wo Dänemark seinen südlichsten Punkt markiert, liegt Tønder. Die Nähe zur deutschen Grenze hat über Jahrhunderte hinweg Spuren hinterlassen, die sich in Architektur, Sprache und Mentalität widerspiegeln. Tønder ist dänisch, ohne Zweifel, aber es trägt eine Offenheit in sich, die aus Begegnungen, Handel und kulturellem Austausch gewachsen ist. Weite Felder, niedriger Himmel und ein Licht, das je nach Tageszeit zwischen sanft und dramatisch wechselt, verleihen der Umland der 7.500-Seelen-Gemeinde eine besondere Stimmung. Die Nähe zur Nordsee ist spürbar, auch wenn sie nicht direkt vor der Haustür liegt. Der Wind trägt ihren salzigen Atem heran, und die Marschlandschaft erzählt von einem Leben im Rhythmus der Natur.
Textauszug: Der Wind weht staubig und warm durch die Schlucht des Arpa-Flusses, wo die roten Felsen von Vayots Dzor wie erstarrte Flammen in den kaukasischen Himmel ragen. Es ist eine Landschaft von archaischer Schönheit, die lange ein Geheimnis hütete, das dafür sorgte, dass die Geschichtsbücher des Genusses umgeschrieben werden mussten: Denn tief im Bauch der Erde, in den kühlen Schatten der Areni-1-Höhle, begann nachweislich vor über 6.100 Jahren eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Rebe, die bis heute nichts von ihrer Intensität verloren hat. Hier, wo Archäologen neben dem ältesten Lederschuh der Welt auch die weltweit älteste bekannte Weinkellerei freilegten, schlägt das Herz der armenischen Weinkultur.
Textauszug: Wer die kurvenreichen Straßen der Argolis entlangfährt, vorbei an silbrig schimmernden Olivenhainen und dem herben Duft von wildem Thymian, der ahnt nicht, dass er sich einem Epizentrum der antiken Welt nähert. Epidaurus ist kein bloßes Ansammlung verwitterter Marmorblöcke, die unter der griechischen Sonne langsam zu Staub zerfallen. Es ist ein Ort, an dem die Grenze zwischen Wissenschaft und Wunder seit über 2.000 Jahren verschwimmt. Hier, im Osten der Peloponnes, rund 30 Kilometer von der historischen Hauptstadt Nauplia entfernt, schufen die Griechen in der Antike ein Heiligtum, das in seiner Komplexität und ästhetischen Vollendung bis heute seinesgleichen sucht.
Textauszug: Wer durch Londons West End streift, landet früher oder später auf dem Leicester Square, einem Ort, der seit dem 19. Jahrhundert als Magnet für Unterhaltung, Theater und später vor allem für das Kino gilt. Der Platz ist nicht nur Mittelpunkt eines der lebendigsten Stadtviertel der britischen Hauptstadt, sondern auch ein kultureller Knotenpunkt, an dem sich die Geschichte der britischen Filmindustrie wie in einem Brennglas bündelt. Seit den 1930er-Jahren rollt hier der rote Teppich für Weltpremieren aus, und kaum ein anderer Ort im Vereinigten Königreich hat so viele Stars empfangen wie dieser Platz, der sich abends in ein funkelndes Lichtermeer verwandelt.
Textauszug: Wenn der Morgennebel über den künstlich angelegten Kanälen aufsteigt, wirkt das Schloss Chantilly fast wie eine steinerne Fata Morgana vor den Toren von Paris. Nur 50 Kilometer von der französischen Hauptstadt entfernt scheint die Zeit ein wenig stillzustehen. Zwischen prächtigen Galerien, die nach dem Louvre die bedeutendste Sammlung alter Meister in Frankreich beherbergen, und den weitläufigen Gärten scheint jeder Kieselstein hier die Eleganz vergangener Jahrhunderte zu atmen. Majestätisch und beinahe schwebend erhebt sich das Bauwerk aus den umliegenden Wassergräben, die das Licht der Ile-de-France in zahllosen Nuancen reflektieren.
Textauszug: Tief im Südwesten Bulgariens, nur einen Steinwurf von der griechischen Grenze entfernt, schmiegt sich die kleinste Stadt des Landes in ein enges Tal, das von einer Laune der Natur geformt wurde. Wer sich Melnik nähert, erblickt zuerst nicht die Häuser, sondern die gigantischen, ockerfarbenen Sandsteinpyramiden, die wie erstarrte Wellen eines urzeitlichen Meeres über der Siedlung thronen. Diese bizarren Formationen sind das Ergebnis jahrtausendelanger Erosion und verleihen der Umgebung eine fast schon sakrale Dramatik. Es ist eine Landschaft, die gleichermaßen zerbrechlich und unumstößlich wirkt. Inmitten dieser geologischen Skulpturen liegt ein Ort, der offiziell kaum mehr als 200 Seelen zählt und dennoch stolz das Stadtrecht verteidigt.
Textauszug: Die Kabinentür schließt sich mit einem sanften Klacken, die Triebwerke beginnen zu summen und die Flugbegleiter schreiten mit der Routine von unzähligen Flugstunden durch den Mittelgang. Es ist jener Moment, in dem die Welt am Boden bleibt und das digitale Leben für eine Weile pausieren sollte. Doch während die Sicherheitsunterweisungen über die Bildschirme flimmern, wandern unzählige Daumen über leuchtende Displays. Es ist ein stilles Ritual der Moderne: Der letzte Check der E-Mails, ein finales Like auf Instagram und das Absenden einer Nachricht, die den Daheimgebliebenen mitteilt, dass man nun abhebt. Inmitten dieser geschäftigen Stille bleibt eine kleine Geste oft aus, sei es aus Vergessenheit, Ignoranz oder dem festen Glauben, dass das eigene kleine Gerät gegen die gewaltige Technik eines Airbus oder einer Boeing ohnehin nichts ausrichten könne.
Textauszug: Ein markerschütternder Schrei eines Greifvogels hallt in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen durch die Lüfte. Doch von dem gefiederter Vogel fehlt jede Spur. Tatsächlich wird dessen Ruf über Lautsprecher eingespielt, um andere Vögel aus dem UNESCO-Weltkulturerbe im Herzen des bulgarischen Rila-Gebirges zu verscheuchen. Die Lage des berühmter Rila Klosters ist spektakulär: steile Berghänge, rauschende Flüsse und klare Luft. Dabei bildet die Natur nicht nur die Kulisse, sondern ist Teil der Identität dieses magischen Ortes, der seit Jahrhunderten Pilger, Reisende und Suchende anzieht.